Indienhilfe Siegburg Prem Sadan e.V.

Weitere Berichte aus Indien 2013

Indien – eine Großmacht in spe?

Wenn durch die Berichte von Sister Regina die Beschwerlichkeiten des täglichen Lebens in Indien zum Ausdruck kommen, so wird dies verständlicher, wenn man sich die prekäre Lage dieses Landes insgesamt vor Augen hält.

Was wir dieses Jahr aus den Medien hörten: Sebastian Vettel siegt beim Großen Preis von Indien auf der Rennstrecke von Neu-Delhi. Und wenig später schickt die indische Regierung einen Satelliten auf die Umlaufbahn des Mars. Zum Glück wurde der daraus entstehende Eindruck in der Presse zumindest teilweise relativiert. So legte der „Rhein-Sieg-Anzeiger“ in seinem entsprechenden Bericht vom 8. November den Finger in die Wunde. Der Untertitel lautet: „Zwei Drittel der Inder leben in Armut“.
Tatsächlich will die indische Regierung mit diesen und anderen Prestigeprojekten ihrem Land den Anschein einer werdenden Großmacht geben, wovon das Land weiter denn je entfernt ist. Denn Indien ist immer noch das Land mit der weltweit größten Zahl absolut armer Menschen. Und der Hunger unter ihnen nimmt zu. Einerseits wächst die Bevölkerung ständig, in den letzten 10 Jahren um rund 180 Millionen, andererseits gehen durch Misswirtschaft die landwirtschaftlichen Erträge zurück, so dass sich die Nahrungsmittel ständig verteuern. Eine traurige Folge: Jährlich sterben 1,7 Millionen (!) indischer Kinder an Unterernährung.

Die Probleme der Frauen

Trotz partieller Fortschritte entspricht der Status der Frauen noch längst nicht demjenigen der Männer. Schon der Anteil der Mädchen an der Geburtenzahl ist auf 830 pro 1000 Jungen gesunken. Das indische Parlament hat zwar ein Gesetz erlassen, wonach die vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung verboten ist; dies interessiert aber wohl niemanden. Das Schulsystem ist rückständig und fast 70 % der Mädchen verlassen die Schule ohne Abschluss. Was eine indische Frau wert ist, zeigt sich in besonders schlimmer Weise an der hohen Zahl von Vergewaltigungen. Alle 21 Minuten wird in Indien eine Vergewaltigung angezeigt. 2011 waren es 24.000. Die tatsächlichen Zahlen dürften weit höher liegen. Immerhin hat die grausame Vergewaltigung einer Frau in einem Bus Neu-Delhis zu einer Massenbewegung für ein Frauenthema ohnegleichen geführt. Frauen beginnen, sich zu wehren, machen Selbstverteidigungskurse, werden aufmüpfig und machen Druck auf die Polizei.

Wie uns Sister Regina schreibt, machen die Marys wegen der genannten Gefahren ihren Kindern in Rollenspielen deutlich, wie sie sich außerhalb des Kinderheims zu verhalten haben:
  • Sei aufmerksam und sei Dir jederzeit Deines Umfeldes bewusst
  • Lass die Schwestern wissen, wo Du bist und vermeide es, unmittelbar an großen Autos auf einem Parkplatz entlang zu gehen
  • Halte Dich zurück, wenn Dich fremde Erwachsene um Hilfe bitten
  • Lerne wichtige Telefonnummern und Namen einschließlich der Notfallnummer auswendig
  • Beachte Deine unguten Gefühle
Keinesfalls dürfen wir Indien jedoch nur unter negativen Aspekten sehen. Immerhin hat die indische Regierung einige Sozialprogramme auf den Weg gebracht. Viele Inder –auch aus der Oberschicht – helfen, wollen zu Verbesserungen der Situation der Armen beitragen. Und genau hier setzt auch die Arbeit der rund 300 Marys in ihren mehr als 60 Sozialstationen vor allem für hilfsbedürftige Frauen und Mädchen in den Slums, in ärmlichen Dörfern (u.a. Projekt Latur) und in ihren 20 Kinderheimen mit 2500 Mädchen an.

Diese Marys sind es wahrlich wert, dass wir sie und ihre Arbeit nach unseren besten Kräften unterstützen. Auch wenn das Land und die Probleme nicht beherrschbar erscheinen, bringen die Marys doch einer Vielzahl von Frauen und Mädchen Trost und Hoffnung. Sie haben darüber hinaus mit anderen, auch indischen Organisationen gleicher Zielrichtung, eine Art Leuchtturmfunktion für einen Bewusstseinswandel, den die indische Gesellschaft dringend braucht und der schon begonnen hat.

(Quellen: Vortrag Dr. Gabriele Venzky, Indienkorrespondentin; Die Zeit vom 23. 3. 12; Handelsblatt vom 19. 08. 13; Süddeutsche Zeitung vom 26. 09. 13; RSA vom 08. 11. 2013)
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